USA


 

 

Athanaeum Boston/Massachusetts

 

Mit der Veröffentlichung seines Romans "Der scharlachrote Buchstabe" machte der 46-jährige amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne 1850 erstmals von sich reden. Schon in den 30-er Jahren, als er noch in Boston als Zollinspektor tätig war, hegte er den Wunsch, Schriftsteller zu werden, weshalb er täglich nach Dienstschluss in die öffentliche Bibliothek, das Athenaeum, ging, eine Oase der Stille,
wo er lesen und schreiben konnte.

 

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Nathaniel Hawthorne

 

Ebenfalls ein regelmässiger Besucher dieser Bibliothek war Dr. Harris, ein pensionierter Geistlicher von mehr als 80 Jahren, der täglich im selben Sessel beim Kamin zu sitzen und die Boston Post zu lesen pflegte.
Obwohl Hawthorne nie mit ihm gesprochen hatte, denn Unterhaltungen waren im Lesesaal strikt untersagt, freute er sich doch immer, den alten Herrn dort an seinem Stammplatz sitzen zu sehen.
Er war folglich höchst überrascht, als er eines Abends erfuhr, Dr. Harris sei bereits vor Wochen verstorben. Zu seiner noch grösseren Überraschung aber sah Hawthorne,
als er am nächsten Tag wieder in die Bibliothek kam, den alten Geistlichen wie eh und je in seinem Sessel beim Kamin sitzen und wie üblich seine Zeitung lesen.

 

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Noch wochenlang sah Hawthorne die Erscheinung. Eines aber verwirrte ihn ganz besonders:
Keiner der anderen regelmässigen Besucher der Bibliothek, darunter gute Bekannte, ja, sogar Freunde des alten Herrn, schienen den Geist je zu bemerken. Wieso war Hawthorne, nicht einmal ein Bekannter, in dieser Weise auserwählt? Oder sahen die anderen die Erscheinung ebenfalls, zögerten aber ebenso wie er,
ihre Beobachtung zuzugeben?

 

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Als er später über diese Ereignisse schrieb und dabei sein damaliges Verhalten noch einmal Revue passieren ließ, da erkannte er, wie gern er sich der Gestalt genähert, sie berührt,
ihr die Zeitung aus den Händen genommen hätte.
"Doch", schrieb er, "vielleicht widerstrebte es mir, die Illusion zu zerstören und mich dadurch einer guten Gespenstergeschichte zu berauben, für die es möglicherweise eine ganz alltägliche Erklärung gab."

 

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Nach einigen Wochen meinte Hawthorne zu spüren, dass der Geist des Dr. Harris ihn anschaute, als wolle er ihn ermuntern, ein Gespräch zu beginnen.
"Freilich, wenn dem so gewesen wäre, so hätte der Geist einen in seinen Kreisen wohl üblichen Mangel Scharfsinn bewiesen, sowohl was den Ort anlangte, als auch, was die Person betraf, die er sich für eine Unterhaltung erwählt hatte. Im Lesesaal des Athenaeums nämlich ist jegliche Konversation streng untersagt. Ich hätte die Erscheinung nicht ansprechen können, ohne dadurch sofort die Aufmerksamkeit, vor allem aber die entrüsteten Blicke der schläfrigen alten Herren, die mich hier umgaben, auf mich zu ziehen. Und was für eine lächerliche Figur hätte ich abgegeben, hätte ich ernst und würdevoll etwas angesprochen, dass in den Augen aller anderen nichts weiter war als ein leerer Sessel! Ausserdem", schloss Hawthorne seinen Bericht mit dem lapidaren Hinweis auf die damaligen gesellschaftlichen Konventionen, "war ich Dr. Harris nie vorgestellt worden."

Ohne eine Lösung für sein Dilemma finden zu können, sah Hawthorne die Erscheinung weiterhin, bis er eines Tages den Lesesaal betrat und den Sessel leer fand. Er sah Dr. Harris nie wieder.

 

 

 

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